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Kontaktwinkel kurz erklärt

Abbildung 1: Wassertropfen bilden einen hohen Kontaktwinkel auf bestimmten Pflanzen-Blättern und tragen so zum Selbstreinigungseffekt der Pflanze bei.

Abbildung 1: Wassertropfen bilden einen hohen Kontaktwinkel auf bestimmten Pflanzen-Blättern und tragen so zum Selbstreinigungseffekt der Pflanze bei.

Ein Flüssigkeitstropfen bildet auf einer Festkörperoberfläche den Kontaktwinkel Θ aus. Der Kontaktwinkel ist anhängig von der Oberflächenenergie des Festkörpers, der fest-flüssig-Grenzflächenenergie, sowie der Oberflächenspannung der Flüssigkeit. Dieser Zusammenhang lässt sich durch die Young-Gleichung ausdrücken. Kontaktwinkelmessungen geben Aufschluss über das Benetzungsverhalten einer Flüssigkeit auf einem Festkörper.

Der Kontaktwinkel an der Drei-Phasen-Kontaktlinie

Um die Situation an der Grenzfläche zwischen verschiedenen Materialien näher zu beschreiben, ist der Kontaktwinkel Θ eine der wichtigsten Messgrößen. Der Kontaktwinkel kann gemessen werden, indem ein Flüssigkeitstropfen auf einer Festkörperoberfläche abgesetzt wird. Nun treffen drei verschiedene Phasen - Festkörper, Flüssigkeit und Gas - an der Drei-Phasen-Kontaktlinie aufeinander.

Ist das System in Ruhe, herrscht an der Drei-Phasen-Kontaktlinie ein Gleichgewicht der tangentialen Kräfte. In diesem Zustand bildet sich an der Drei-Phasen-Kontaktlinie der statische Kontaktwinkel ΘC aus. Ist das System in Bewegung, etwa, wenn die Festkörperoberfläche gekippt wird, kann man die dynamischen Kontaktwinkel ΘAdv und ΘRec bestimmen.

Messungen des Kontaktwinkels lassen sich mit Kontaktwinkelmessgeräten, wie die der OCA-Serie des Herstellers DataPhysics Instruments, durchführen. Erwähnenswert ist hierbei die Vielzahl an Zusatzmodulen, die Untersuchungen für verschiedenste Anwendungsfälle ermöglichen. Dazu gehören Nano- und Pikoliter-Dosiereinheiten für besonders kleine Tropfen, Thermostatisiereinrichtungen für Untersuchungen im Temperaturbereich zwischen −30 °C und 1800 °C sowie Feuchtegeneratoren zur Kontrolle der Luftfeuchtigkeit in der Messkammer.

Abbildung 2: Kontaktwinkel an einer fest-flüssig-gas-Kontaktlinie

Die Young-Gleichung: Zusammenhang zwischen Materialeigenschaften und Kontaktwinkel

Im statischen Fall mit dem Kontaktwinkel ΘC herrscht ein vektorielles Gleichgewicht zwischen Oberflächenenergie des Festkörpers σS, Oberflächenspannung der Flüssigkeit σL und der fest-flüssig Grenzflächenenergie σSL vor (vgl. Abbildung 2). Dieses Gleichgewicht kommt in der Young-Gleichung zum Ausdruck:

Young Gleichung

Wobei:

  • σL: Oberflächenspannung der Testflüssigkeit
  • θC: Kontaktwinkel im Gleichgewicht
  • σS: Oberflächenenergie des Festkörpers
  • σSL: Grenzflächenenergie zwischen Flüssigkeit und Festkörper

Die Oberflächenenergie des Festkörpers und die Grenzflächenenergie zwischen Festkörper und Flüssigkeit sind in der Regel unbekannt. Misst man allerdings den Kontaktwinkel mehrerer Testflüssigkeiten auf einer Festkörperoberfläche, lässt sich die Oberflächenenergie des Festkörpers mit Hilfe von Modellen bestimmen (siehe: Oberflächenenergie bestimmen). Außerdem sind weitere Untersuchungen der Adhäsionsarbeit möglich.

Kontaktwinkel geben Aufschluss über Benetzung des Festkörpers

Die Messung des Kontaktwinkels einer Flüssigkeit auf einem Festkörper gibt Aufschluss über das Benetzungsverhalten dieser Kombination. Das angestrebte Benetzungsverhalten ist von dem jeweiligen Anwendungsfall abhängig.

Bei einem Kontaktwinkel von 0° ist der Tropfen vollständig auf der Festkörperoberfläche ausgebreitet oder gespreitet. Der Tropfen bildet einen dünnen, manchmal monomolekularen Flüssigkeitsfilm auf der festen Oberfläche. In diesem Fall spricht man von vollständiger Benetzung. Bei einem Kontaktwinkel von 180° liegt der Tropfen kugelförmig zusammengezogen auf der Oberfläche auf und berührt den Festkörper nur an einem Punkt. In diesem Fall spricht man von vollständiger Entnetzung.

In der Praxis liegt der Kontaktwinkel meist zwischen diesen beiden Extremwerten. Festkörperoberflächen, auf denen sich ein Kontaktwinkel ΘC kleiner als 90° ausbildetet, werden gemeinhin als gut benetzbar beschrieben. Höhere Kontaktwinkel deuten darauf hin, dass eine Oberfläche kaum oder gar nicht benetzbar ist.

Eines der anschaulichsten Beispiele für besonders hohe Kontaktwinkel finden wir in der Natur: Auf den Blättern der Lotospflanze perlen Wassertropfen ab. Es findet keine Benetzung statt und der Kontaktwinkel ist entsprechend hoch. Weil die abperlenden Tropfen Schmutzpartikel abtransportieren, kommt es zu einem Selbstreinigungseffekt der Blätter. In vielen technischen Bereichen versucht man heute diesen Lotus-Effekt nachzuempfinden: selbstreinigende Fassaden, Keramik und Fensterglas sind Beispiele für solch technische Entwicklungen. Unverzichtbar ist bei der Entwicklung solcher Produkte die Kontaktwinkelmessung.

Kontaktwinkelmessungen sind die Basis vieler Standards und Normen, welche Benetzungscharakteristiken beschreiben. Eine umfangreiche Liste der Normen findet sich hier.

Anwendungsbeispiele für Kontaktwinkelmessungen

Die Messung des Kontaktwinkels bietet sich immer dann an, wenn Festkörper und Flüssigkeiten aufeinandertreffen und wenn Benetzungs- und Haftungseigenschaften kontrolliert oder verändert werden. Die Anwendungsfelder sind dementsprechend vielfältig. Wichtige Beispiele sind:

  • Oberflächenbeschichtungen: Messung des Kontaktwinkels auf beschichteten Materialien, um die Qualität und Gleichmäßigkeit der Beschichtung zu bewerten.
  • Lackier- und Druckindustrie: Bewertung der Benetzbarkeit von Farben, Lacken und Druckfarben auf verschiedenen Substraten.
  • Textilindustrie: Ermittlung der Benetzbarkeit von Textilfasern, um die Qualität von Textilbehandlungen, wie Imprägnierung oder Entwässerung, zu überprüfen.
  • Medizinische Geräte: Charakterisierung der Benetzbarkeit von medizinischen Implantaten, um deren biokompatibles Verhalten zu beurteilen.
  • Lebensmittelindustrie: Bewertung der Benetzbarkeit von Verpackungsmaterialien, um die Bedruckbarkeit sicherzustellen und Lagereigenschaften zu verbessern
  • Halbleiterindustrie: Kontrolle der Benetzbarkeit auf Oberflächen von Halbleiterchips und -substraten für die Herstellung von Mikrochips.
  • Umweltwissenschaften:Messung des Kontaktwinkels auf Blattoberflächen von Pflanzen zur Untersuchung der Selbstreinigungseffekte und der Wasserverteilung.
  • Nanotechnologie: Charakterisierung der Benetzbarkeit von Nanomaterialien und Nanopartikeln, um deren Eigenschaften in verschiedenen Anwendungen zu optimieren.
  • Öl- und Gasindustrie: Beurteilung der Benetzbarkeit von Gesteinsoberflächen, um das Verhalten von Öl- und Gasreservoiren besser zu verstehen.
  • Reinigungs- und Entfettungsprozesse: Bewertung der Effizienz von Reinigungs- und Entfettungsmitteln auf verschiedenen Oberflächen, um die Wirksamkeit zu optimieren.

Häufig gestellte Fragen zum Kontaktwinkel

  • Was ist ein Kontaktwinkel?

    Der Kontaktwinkel Θ ist der Winkel, der sich an der Drei-Phasen-Kontaktlinie bildet, an der ein Flüssigkeitstropfen auf einer Festkörperoberfläche in einer Gasumgebung aufliegt. Er quantifiziert, wie gut die Flüssigkeit den Festkörper benetzt: Ein Kontaktwinkel unter 90° weist auf gute Benetzbarkeit hin (hydrophile Oberfläche), ein Kontaktwinkel über 90° auf schlechte Benetzbarkeit (hydrophobe Oberfläche). Bei 0° breitet sich die Flüssigkeit vollständig aus; bei 180° bildet der Tropfen eine nahezu perfekte Kugel, die die Oberfläche nur an einem Punkt berührt.

  • Wie wird der Kontaktwinkel gemessen?

    Die verbreitetste Methode ist die Liegender-Tropfen-Methode: Ein kleiner Flüssigkeitstropfen wird auf die Festkörperoberfläche aufgebracht und mit einer Kamera aufgenommen. Ein Kontaktwinkelmessgerät — wie die OCA-Serie von DataPhysics Instruments — erkennt optisch das Tropfenprofil und berechnet den Kontaktwinkel aus der Tangente an der Drei-Phasen-Kontaktlinie. Die Messung ist zerstörungsfrei, erfordert nur minimale Probenvorbereitung und ist in Sekunden abgeschlossen.

  • Was bedeutet ein Kontaktwinkel unter 90°?

    Ein Kontaktwinkel unter 90° bedeutet, dass die Flüssigkeit die Festkörperoberfläche teilweise benetzt. Je kleiner der Winkel, desto besser ist die Benetzung. Bei 0° breitet sich die Flüssigkeit als dünner Film aus (vollständige Benetzung). Oberflächen mit einem Kontaktwinkel unter 90° (bei Wasser als Testflüssigkeit) werden als hydrophil bezeichnet und sind in der Regel gut für Klebe-, Beschichtungs- und Druckanwendungen geeignet.

  • Ab welchem Kontaktwinkel gilt eine Oberfläche als hydrophob?

    Eine Oberfläche gilt als hydrophob, wenn ihr Wasser-Kontaktwinkel 90° überschreitet. Oberflächen mit einem Wasser-Kontaktwinkel über 150° werden als superhydrophob bezeichnet und zeigen den Lotus-Effekt, bei dem Wassertropfen abperlen und Schmutzpartikel abtransportieren. Dieses extreme Nicht-Benetzungsverhalten wird in selbstreinigenden Beschichtungen, Textilien und Architekturglas genutzt.

  • Was ist die Young-Gleichung?

    Die Young-Gleichung beschreibt das Kräftegleichgewicht an der Drei-Phasen-Kontaktlinie: σL · cos(ΘC) = σS − σSL, wobei σL die Oberflächenspannung der Flüssigkeit, ΘC der Gleichgewichts-Kontaktwinkel, σS die Oberflächenenergie des Festkörpers und σSL die Grenzflächenenergie zwischen Festkörper und Flüssigkeit ist. Sie verknüpft den gemessenen Kontaktwinkel mit den Oberflächenenergien der beteiligten Materialien.

  • Was ist der Unterschied zwischen statischem und dynamischem Kontaktwinkel?

    Der statische (Gleichgewichts-)Kontaktwinkel ΘC wird gemessen, wenn die Drei-Phasen-Kontaktlinie in Ruhe ist. Dynamische Kontaktwinkel werden während der Bewegung der Kontaktlinie erfasst: Der voranschreitende Kontaktwinkel ΘAdv beschreibt die Vorderkante eines sich ausbreitenden Tropfens, der zurückweichende Kontaktwinkel ΘRec die rückweichende Kante. Die Differenz zwischen beiden — die Kontaktwinkelhysterese — liefert Informationen über Oberflächenheterogenität, Rauigkeit und Kontamination.

  • Welche Geräte werden zur Kontaktwinkelmessung verwendet?

    Kontaktwinkelmessgeräte (auch Goniometer genannt) sind die Standardinstrumente. DataPhysics Instruments bietet die OCA-Serie an, die optische Bildanalyse mit präzisen Dosiersystemen für genaue und reproduzierbare Messungen verbindet. OCA-Geräte unterstützen ein breites Spektrum an Zubehör, darunter Nano- und Pikoliter-Dosiereinheiten, Thermostatisiersysteme (−30 °C bis 1800 °C) und Feuchtegeneratoren für Messungen unter kontrollierten Atmosphärenbedingungen.